Der russische Schriftsteller Aleksander Sergejewitsch Puschkin (1799-1837) gilt nicht nur als eigentlicher Begründer der russischen Literatursprache, sondern zugleich als der wichtigste und vielseitigste russische Schriftsteller überhaupt. Seine epischen und lyrischen Dichtungen, Dramen, Romane und Erzählungen, allen voran Evgenij Onegin (1833; Eugen Onegin), hatten in der russischen Literatur grundlegende und richtungweisende Bedeutung.

Puschkin wurde am 6. Juni 1799 in Moskau geboren. Er stammte aus einem alten Adelsgeschlecht. Schon während seiner Schulzeit am Lyzeum in Zarskoje Selo (1811-1817), das heute seinen Namen trägt, zeigte sich seine dichterische Begabung, die ihm bereits frühzeitig die Türen der Moskauer literarischen Salons öffnete.
Ab 1817 bekleidete Puschkin ein Amt im Sankt Petersburger Außenministerium; er nahm am Gesellschaftsleben der Hauptstadt teil und schloss sich einer im Untergrund agierenden Gruppe von Revolutionären an.
Nachdem er im Jahr 1820 mit seiner Ode Volnost (Die Freiheit) den Unwillen der Obrigkeit erregt hatte, wurde er in den Kaukasus (zunächst nach Jekaterinoslaw, später nach Kischinjow) versetzt.
Im gleichen Jahr erschien sein von der russischen Volksdichtung beeinflusstes märchenhaftes Versepos Ruslan i Ljudmila (Ruslan und Ludmila), das ihn als viel versprechendes Dichtertalent in ganz Russland bekannt machte. Neben Puschkins Freiheitsliebe zeigt sich in seinen Gedichten auch der Einfluss Lord Byrons; offenbar wird dies in den so genannten "Südlichen Poemen" wie Kavkazskij plennik (1822; Der Gefangene im Kaukasus), Bachcisarajskij fontan (1822; Der Springbrunnen von Bachcisaraj) und Cygany (1824; Die Zigeuner).
Mit dem Abfassen seines Hauptwerkes Evgenij Onegin (Eugen Onegin)begann Puschkin bereits 1823. Das 1833 vollständig veröffentlichte Werk schildert die Lebens- und Liebesgeschichte des ironisch betrachteten byronistischen Titelhelden mit seiner "vor der Zeit gealterten Seele" im Kontext eines realistischen zeitgenössischen Hintergrunds. Damit wurde die idealistisch überhöhend argumentierende Literaturtradition der Epoche endgültig überwunden. Obgleich in Versen abgefasst, gilt dieses Werk als erster großer Roman in der russischen Literatur. Ihm verdanken Autoren wie Michail Lermontow, Iwan Turgenjew oder Leo Tolstoj - sowohl stilistisch als auch durch die Einführung der Figur des "überflüssigen Menschen" - entscheidende Impulse. Der bedeutende russische Literaturkritiker Wassarion Belinskij besprach den grandios komponierten Versroman zudem als "Enzyklopädie russischen Lebens". 1874 vertonte der russische Komponist Modest Petrowitsch Mussorgskij den Stoff zu einer 1896 von Rimskij-Korsakow bearbeiteten Oper.
1823 wurde Puschkin nach Odessa versetzt; dort erregte er aufgrund einer Liebesaffäre mit der Frau eines Vorgesetzten erneut Missfallen. 1824 entließ man ihn aus dem Staatsdienst und verbannte ihn auf das elterliche Gut Michailowskoje im Bezirk Pskow. Zwar litt Puschkin unter dieser Maßnahme, dennoch erwiesen sich die Jahre in der Verbannung als literarisch äußerst produktive Phase. Zwischen 1824 und 1825 verfasste er die historische Blankverstragödie Boris Godunow, in der sich der Einfluss Shakespeares manifestierte und das wachsende Interesse an nationalen Gestalten, namentlich an Boris Godunow, zeigte ("Die Geschichte eines Volkes gehört dem Dichter"). Das Werk wurde sechs Jahre später veröffentlicht. Darüber hinaus entstand auf Michailowskoje das ironische Gedicht Graf Nulin (1825). 1826 von Zar Nikolaus I. begnadigt, allerdings weiterhin durch Zensurmaßnahmen von ihm überwacht, befasste sich Puschkin in zwei langen Versepen erneut mit der russischen Geschichte: Poltava (1829; Poltawa) und Mednyi vsadnik (1834; Der eherne Reiter). Sein Prosaroman Kapitanskaja docka (1836; Die Hauptmannstochter) hatte den Pugatschow-Aufstand zum Inhalt. Nachdem sich Puschkin ab 1830 verstärkt der Prosa zuwandte, entstand eine Reihe von phantastisch-realistischen Erzählungen; bekannt wurde insbesondere Pikovaja dama (1834; Pique Dame), mit der der Dichter zugleich den Typenbestand der europäischen Literatur um die Figur des skruppellos-geldgierigen, sozial indifferenten und zugleich leidenschaftlichen Karrieristen bereicherte. Darüber hinaus verfasste er 1830 die Kurztragödien Kamennyj gost (posthum 1841; Der steinerne Gast) und Mocart i Saleri (1831; Mozart und Salieri). 1831 heiratete Puschkin Natalja Gontscharowa. 1836 gründete er die einflussreiche Zeitschrift Sowremennik (Zeitgenosse). Puschkin starb am 10. Februar 1837 an den Folgen einer Verletzung, die er im Duell mit dem französischen Emigranten Georges dAnthès um die Ehre seiner Frau erlitten hatte, in Petersburg.

Puschkins Werke, die Phasen des Klassizismus, der Romantik und des Realismus in Russland bestimmten, leiteten ein neues Zeitalter in der Literatur des Landes ein. Sein Hauptverdienst besteht darin, dass er nach französischem Vorbild und in Anlehnung an die gepflegte Umgangssprache eine russische Literatursprache etablierte und durch seinen Stil deren weitere Entwicklung entscheidend prägte. Nichtsdestotrotz griff er auch auf ältere Vorbilder zurück, die er zunächst in Anspielungen und Zitaten spielerisch integrierte, später in satirisch-parodistischer Verfremdung aber immer mehr angriff. Als Kenner der russischen Volksseele wusste Puschkin die Eigenheiten seiner Landsleute auf vielfältige Weise zu porträtieren. Sein kraftvoller und von Optimismus geprägter lebendiger Prosastil hatten Vorbildcharakter für ganze Generationen späterer Schriftsteller. In der Lyrik setzte er mit einer formal prägnanten, dabei immer auch melodisch-lautlichen und von emotionaler Dichte getragener Bildsprache neue Akzente.